Themen: Bewusstsein | Einsamkeit | Herausforderungen | Mediation | Mentaltraining | Selbstermächtigung | Zielerreichung
Verfasser: Birte Dorenkamp
Bin ich dann mal weg?
Gar nicht so einfach zum Abschluss zu beantworten. Was heißt schon "weg sein"? Ja, ich war nicht in meinem üblichen Alltag, ich habe nur sehr gezielt und zeitlich sehr eingeschränkt meine "Umwelt" auf meine Reise mitgenommen. Aus der Außenperspektive müsste ich sagen: Ja, ich war weg.
Ich persönlich habe für mich genau das Gegenteil wahrgenommen, ich bin wieder ein Stück bei mir angekommen und wenn ich das so schreibe, dann kommen gerade ein letztes Mal ein paar Tränen hoch. Nicht weil ich traurig bin, sondern weil ich stolz bin auf meinen Mut, mich wieder alleine auf den Weg gemacht zu haben, ohne zu wissen, was passieren wird. Mich mir zuzumuten mit allen meinen Emotionen und Gedanken und das war hart. Das Universum um Hilfe zu bitten, meinen wahren Themen näher zu kommen und mich ihnen zu stellen.
Die Aufgabe meines Weges war klar, eine erste Antwort kam bereits am ersten Tag, aber das Verarbeiten emotional und kognitiv hat die 5 Tage gebraucht, um jetzt wieder einen weiteren und auch weicheren Blick auf mich und meine Liebsten zu haben.
Vor 12 Jahren habe ich auf meiner Pilgerreise Vertrauen lernen dürfen, dass es da eine höhere Kraft gibt, die auf mich aufpasst. Ich nenne es Glauben und bin so dankbar dafür. Ein Kollege von mir, Pfarrerssohn, sagte zu mir letztlich, ich freue mich für dich, dass du an das Göttliche glaubst, ich würde mir wünschen es auch zu können. Die Dimension dieser Aussage wird mir erst jetzt richtig bewusst. Es ist leichter, wenn man jemanden immer an seiner Seite weiß, ich wünsche ihm, dass er das irgendwann erfahren darf.
Gestern ist mir in einer kleinen Kapelle eine australische Pilgerin begegnet, eine 70-Jährige, die die ganze Via Francigena geht. Von Canterbury bis Rom. Unglaublich, das sind über 2000km. Sie war nur indie Kapelle gekommen, um mir Glück zu wünschen, drehte sich wieder um und war verschwunden. Ich habe mich dann auf dem weiteren Weg gefragt, warum ich von 4 PilgerInnen, mit denen ich in den 5 Tagen sprach, 3 aus Australien kommen. Für mich war das besonders, es kommen Menschen von so weit her, um diesen Weg zu gehen. Und für uns liegt er vor der Haustür. Was ein Geschenk.

Auch wenn es mein letzter Tag war und ich hätte wehmütig meine letzten Pilgerschritte machen können, entschied ich mich für das Gegenteil. Ich habe mich jeden einzelnen Schritt verabschiedet und lustigerweise hat sich das auch auf meine Geschwindigkeit ausgewirkt. Ich war so schnell wie keinen anderen Tag unterwegs. Nach 3.5 Stunden war ich in Mortara, 4.5 hatte ich eingeplant. Ein Sinnbild dafür, dass wir etwas mit Leichtigkeit schaffen, wenn wir in unserem Element sind. Elemente, da bin ich ja gleich wieder beim Ayurveda… aber das lasse ich heute aus.
Inzwischen habe ich mich auch mit meiner Via Francigena App angefreundet, vielleicht werde ich bis Rom noch Profi-Wegfinder… Ich gebe zu, die Beschilderung gestern war aber auch wieder ziemlich gut. Bis auf die eine Stelle, wo der Weg eindeutig geradeaus ging und rechts nur ein kleiner Pfad abzweigte. Dort entdeckte ich ganz überraschend einen kleinen toten Krebs. Ich hatte vorher schon gemeint einen gesehen zu haben und blieb nur deshalb stehen. Kann es sein, dass in den Wassergräben der Reisfelder Krebse zu Hause sind? Auf jeden Fall musste ich ein Foto haben als Erinnerung und dabei checkte ich kurz die App. Ihr glaubt es nicht, aber genau an der Stelle musste ich rechts. Kein Wegweiser nichts deutete darauf hin, aber der Krebs hatte mir den Weg gezeigt. Und genau das sind diese magischen Momente... Ich bin sicher, wir haben sie täglich auch in unserem Alltag, ich werde nun genauer hinschauen, denn eines meiner Erkenntnisse dieser Wanderung ist, dass sie einem nur spiegelt, was wir täglich erleben, aber nicht mehr bewusst wahrnehmen. Alles ist am Ende in uns.

Aber ich hatte versprochen noch zu erzählen, was es mit der Bäuerin und den 2 Pilgerinnen auf sich hat und damit schließe ich dann auch erst mal die Pilgerbriefe, aber wer weiß, vielleicht kommt noch ein Abschluss aus Venedig. Ich kann es gerade nicht sagen.
An einem der ersten Tage lief ich für eine gewisse Zeit zusammen mit einer anderen Pilgerin, mal war sie vor, mal ich, wir grüßten uns nicht, denn sie telefonierte oder sprach zumindest in ihr Handy.
Irgendwann kamen wir an eine Stelle, wo ich mit meinte, der Weg ginge weiter geradeaus auf einenBauernhof zu, sie aber links abbog. Ich war irritiert, ließ mich von meinem Weg abbringen, sie machte so einen überzeugten Eindruck und ich kenne ja meine geographischen Fehleinschätzungen. Aber dann drehte sie um und folgte mir.
Wir kamen also quasi zeitgleich auf den Bauernhof zu und ein kleiner, aber wild kläffender Hund versperrte uns den Weg. Ich versuchte auf ihn einzureden, die andere Pilgerin war stocksteif. Es kam dann eine junge Bäuerin und nahm ihren Hund auf den Arm und entschuldigte sich. 2 Menschen in der selben Situation Pilgerin 1 und Pilgerin 2. Pilgerin 1 schnaubte, ging weiter ohne etwas zu sagen. Pilgerin 2 bedankte sich und meinte, es sei ja schließlich das Revier des Hundes. Darauf fing die Bäuerin an zu erzählen: Von Italien, dass sich das Land verändert aufgrund der Landflucht der Italiener in die Städte und der Landschwemme durch ausländische Investoren oder Menschen, die aus anderen Kulturen kommen und die italienische Sprache auch nach längerer Zeit nicht verstehen, aber ihre eigenen Kommunen bilden. Durch den Klimawandel, der sie massiv betrifft und dass Mitgefühl und Mithilfe weniger werden. Und sie erklärte mit so viel Liebe, wie der Weg weitergeht.
Sie lebt immer noch gerne bei sich auf dem Hof, aber sie meinte, es würde von Jahr zu Jahr härter, sie war nicht verbittert oder anklagend, sie hat es einfach nur erzählt und sich gefreut, dass jemand ihr zuhörte und mit den 5 Brocken Italienischkenntnissen versuchte zu antworten.
Dieses Mal war ich Pilgerin 2 und dieses Gespräch hängt mir immer noch nach. Aus verschiedenen Gründen, auch weil ich Italien so sehr liebe.
Aber vor allem auch, weil ich erkannte, dass die beiden Pilgerinnen die selbe Person waren. Ich war beide Personen. Genau so hätte ich Pilgerin 1 sein können und genervt weiterziehen. Wie oft bin ich imAlltag Pilgerin 1? Wie oft verschließe ich mich mit meinem Verhalten vor den Bedürfnissen anderer und raube mir selber damit tolle Erfahrungen?
Als ich damals das Buch von Hape Kerkeling las und später auch noch einmal als Hörbuch hörte, dachte ich an einigen Stellen schon, ja, war bestimmt so, aber im Buch nun doch etwas stark aufgetragen. Heute denke ich anders darüber. Die Situationen, die einem beim Pilgern widerfahren sind so tief, dass ich mit meiner Sprache nicht mal ansatzweise in der Lage bin, diese "wirklich" wiederzugeben.
Würde ich das Pilgern jedem empfehlen? NEIN! Ganz sicher nicht, genau so wie Yoga oder Meditationen oder Joggen oder Actionfilme nicht für jeden geeignet sind, ist es auch das Pilgern nicht. Bei mir war es 12 Jahre aus dem Gedächtnis verschwunden, trotz der guten Erfahrung damals, warum? Weil es nicht an der Zeit war. Und daher kann ich nur sagen, dass ich in 8 Jahren in der Woche zu meinem 60. Geburtstag in Rom über die Via della Conciliazione einziehen möchte, um mein Pilgerzertifikat in Empfang zu nehmen und auf der Domkuppel Abschied zu feiern, aber wie der Weg bis dahin und wann erfolgen wird, da lasse ich mich vom Universum überraschen.
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