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Verfasser: Birte Dorenkamp

Bin ich dann mal weg?


Ich kann es gar nicht glauben, ich bin heute bereits in Pavia angekommen, das war mein Ziel.


Allerdings hatte ich ja ein wenig geschummelt und ein T eilstück ausgelassen. Ehrlich gesagt, ich weiß im Nachhinein gar nicht mehr warum und habe nach meinem heutigen Pilgertag beschlossen, dass ich nicht morgen noch weiter laufe, sondern wieder zurück fahre und das fehlende Stück laufe. Meine Vermieterin ist so nett, dass ich mein Zimmer bis mittags behalten darf. Auch wieder so ein Pilgerding.


Das bedeutet nun, dass ich morgen seeehr früh raus muss. Körperlich ist das gar kein Problem für mich, sobaldich aufstehe, bin ich auch wach. Aber geistig eben nicht und da liegt die crux, denn der muss zuerst ja sagen… Meinen Mann wird’s freuen, er würde niemals erst um 10 oder 11 loslaufen, so wie ich die letzten Tage, morgenmache ich es somit auch mal anders und probiere aus, wie sich das anfühlt ganz früh zu starten.


Warum ich beschlossen habe, nicht weiterzulaufen? Ich habe heute bereits 4 Pilgerer getroffen und eine sehr freundliche Französin gleich mehrmals. Sie machte den Anschein sich unterhalten zu wollen und wechselte auf Deutsch. Ich wollte um nichts auf der Welt mein Alleinsein opfern, das spürte ich sofort. Und was machte ich, brav gelernt: Small Talk… Tatsächlich hat es mich dann echte Überwindung gekostet, der Dame sehr freundlich klar zu machen, dass ich alleine gehen möchte. Ich fühlte mich schlecht zunächst, aber dann hat es die Französin weder betroffen gemacht noch verärgert. Vermutlich hätte ich die Erfahrung schon früher im Alltag machen dürfen, hätte ich mich das in anderen Situationen auch getraut. Und da ist sie wieder, die Angst vor Ablehnung, selbst in so kleinen unwichtigen Momenten. Dieses Mal ist er mir gelungen, sie zu erkennen und anders zu handeln.


Warum ich nun also nicht weiterlaufe, sondern stattdessen das fehlende Stück? Nein, es hat nicht damit zu tun, so ein "Loch" zu haben, sondern ich möchte schlichtweg noch nicht zurück in die Zivilisation.


Mir war Pavia heute zu laut, zu groß, zu bunt, zu viel. Und das passiert mir Stadtmenschen. Ich war über mich überrascht und hatte damit nicht gerechnet, ich dachte noch: Morgen endlich mal wieder ein paar "echte" Örtchen und nun das? Mir hat es gezeigt, dass ich mir so viel wie ich will vorher vorstellen und ausmalen kann, am Ende kommt es anders. Entscheidend für mich war, dem nachzugeben und nicht an dem ursprünglichen Plan festzuhalten. Auf dieser Reise kommen Dinge immer nacheinander, so dass ich genügend Zeit habe, diesezu erkennen, für mich einzuordnen und zu verarbeiten. Das wird im Alltag nicht mehr so sein, ich hoffe aber diese Achtsamkeit für kleine Zeichen zu behalten.



Heute war der Weg übrigens wie Kaugummi, ich startete nach einem super leckeren Frühstück, was ich mir nach "Brokkolisuppe" auf dem Zimmer und der totalen Durchnässtheit gestern auch mehr als verdient hatte. Übrigens eine richtig tolle Bar, hier in "meinem" jetzt im Sonnenlicht, gar nicht sooo trostlosen Ort, die ich aber nur fand, weil ich heute Morgen mit der festen Überzeugung richtig zu laufen, genau in die falsche Richtung lief. Ich habe sehr über mich lachen müssen, dass ich auf einer schnurgeraden Straße, die ich bereits gestern mehrfach gelaufen war, die falsche Richtung nahm und dann noch fest überzeugt davon, das Pilgerschild hänge falsch herum.


Das Wanderbuch musste ich eh im Zimmer lassen, weil es das im Gegensatz zu T-Shirt und Hose nicht geschafft hatte, wieder zu trocknen. Vom gestrigen Tag habe ich auf Instagram erzählt, aber vielleicht schreibe ich da noch etwas zu in den nächsten Tagen. Nur so viel: Es war so nass wie ich mich lange nicht erinnern kann, meine Uhr hat die Wassermassen nicht überlebt und diverse Dinge funktionierten gestern auch nicht, einfach um mich mal so richtig zu verunsichern. Das Universum hat jeden Tag eine Aufgabe und da ich hier sitze, habe ich sie für mich gemeistert.



Heute kam also erstmal ein Sicherheitscheck meinerseits: Regenradar, danach war es 50/50 na prima, mein 1€ Regencape wanderte also wieder in den Rucksack. Übrigens kann ich das nur empfehlen, das ist super leicht und funktioniert genau so oder auch nicht, wie eine Regenjacke. Das ist bereits abgespeichert fürs nächste Mal, Regenjacke bleibt zu Hause, stattdessen gibt es aber 2-3 1€-Capes (sicher ist sicher)


Das erste Stück lief super und richtig wild, denn z.T. war heute der Weg fast nicht mehr erkennbar, einmal musste ich umdrehen, weil eine kleine Brücke eingebrochen war und ich nicht mal mehr sehen konnte, ab woich hätte springen müssen. Also ganz der Pfadfinder in mir, einen eigenen Weg gesucht. Der war anders als der, der Französin, aber scheinbar schneller, denn sie war deutlich vor mir gewesen und tauchte plötzlich aus dem Gebüsch auf. Sie war bereits 3 Wochen ohne Pause unterwegs, gestern 35km gelaufen und lief mit Gepäck schneller als ich. Und das wo man mir sonst sagt, ich solle nicht so schnell gehen…


Über mir hing irgendwann eine riesige schwarze Wolke und alle Gefühle und Empfindungen von gestern waren wieder da: Kälte, das Kleben der Kleidung auf meinem Körper und die Ungewissheit, ob das noch irgendwann aufhört oder ein richtiges Gewitter kommt, dem ich komplett schutzlos ausgeliefert worden wäre.


Heute hatte ich da keine Lust mehr drauf und dann ging das Denken los, denn genau an der Stelle gab es die Möglichkeit weiter auf der Straße zu bleiben und von der Route abzuweichen oder ans Flussufer abzubiegen und dann die geplante weitere Strecke zu laufen. Und dann passierte etwas Spannendes, ich wollte unbedingt den Weg gehen, egal ob mit oder ohne Regen und egal, ob ich genau noch einmal begossener Pudel sein würde.


Belohnt wurde ich mit einer wundervollen, abwechslungsreichen Strecke und einem köstlichen Mittagessen mit Blick auf den Fluss. Der Regen hielt sich in Grenzen und stattdessen kam die Sonne irgendwann raus.


Und dann passierte beim Weiterlaufen plötzlich etwas Faszinierendes: Ich konnte kaum noch laufen, ich hatte den Eindruck am Boden festzukleben, jeder Schritt war eine echte Qual. Die Schuhe fühlten sich wie Bleiklötze an, jeder Schritt brauchte Überwindung. Und nein, es lag nicht am Mittagessen, das war hauptsächlich Gemüse gewesen. Auch der Weg, so schön er war, hatte keinen Charme mehr.


Ich konnte mir das zunächst nicht erklären, bis ich plötzlich entdeckte, dass an der Stelle die via Francigena identisch mit einem GR ist, also einem allgemeinen Wanderweg durch Europa. Energetisch war also dieser Weg für mich ganz anders belegt als der eigentliche Pilgerweg. Und da war für mich klar, dass ich morgen noch einmal zu der Stelle zurück fahre, wo ich unterbrochen hatte und dort wieder einsetze, um Via Francigena pur zum Abschluss zu fühlen. Ich bin gespannt, was sich dann für mich noch eröffnet bevor es noch 2 Tage in meine Herzensstadt Venedig geht. Ich liebe sie übrigens nicht nur wegen des vielen Wassers, sondern wegen der unglaublichen Ruhe dort.



So, nun habe ich euch was ganz Anderes erzählt als geplant und dafür nicht von meiner Begegnung mit einer Pilgerin und Bäuerin und wie ein und dieselbe Situation komplett anders ausgehen kann. Aber das kommt in einem der nächsten Briefe. Vielleicht ja schon morgen, aber spätestens am Donnerstag. Ich schreibe meine Newsletter komplett selbst, daher kommen sie auch selten. Heute sind es unformatiert bereits 2 Seiten, da mache ich mal lieber Schluss.


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Frank

Beruf: Unternehmer, Gründer von auribus, 1,49 €/Min.

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Verfügbar

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Beruf: Life Coach, 1,49 €/Min.

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Abwesend (nicht verfügbar)

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