Themen: Bewusstsein | Einsamkeit | Herausforderungen | Mediation | Mentaltraining | Selbstermächtigung | Zielerreichung
Verfasser: Birte Dorenkamp
Bin ich dann mal weg?
Tatsächlich habe ich mir diese Frage gestellt bevor meine lang ersehnte 2. Pilgerreise losging.
Im Frühjahr hörte ich einen Podcast, in dem die Frage aufkam, ob man 4 Stunden mit sich aushalten würde, ohne etwas machen zu dürfen.
Logisch, dachte ich, ich war doch mal ganz alleine pilgern und das war nicht nur eine super Erfahrung, sondern von der Entspannung konnte ich 2 Jahre zehren… Das war vor 12 Jahren und ich fragte mich in dem Augenblick wie ich das hatte vergessen können? Ich hatte tatsächlich VERGESSEN, wie sich das anfühlt? Unfassbar! Der Alltag hatte mich zu fest im Griff und nicht ich ihn.
Und daher war klar, dass ich Ende Sommer meine Route, die Via Francigena, weitergehen wollte. Wieder alleine, wieder 5 Tage.
Und je näher der Tag kam, gerade erst eine Woche aus dem Urlaub zurück, fragte ich mich schon, ob ich überhaupt so "digitallos" wie früher unterwegs sein könne und ob ich diese Erfahrungen mit euch teilen solle. Aber genau das war mein Impuls. Ich möchte darüber reden, was mich bewegt, was mich umtreibt.
Und dann kam sie wieder, meine liebenswerte Kritikerin, mit voller Wucht, sie setze sich direkt neben mein Ohr und infiltrierte mich in Dauerschleife mit Sprüchen: "Kannst du mir mal verraten, wen das interessieren könnte? Ist klar, dass du dein Innerstes nach Außen stülpen musst… Du kannst dich doch mal zurücknehmen, das ist peinlich bis zum Umfallen…"
Genau diese Sprüche kannte ich nur zu gut, aus meiner Jugend, geprägt von der Gesellschaft, in der wir aufwachsen, besser angepasst sein als aufzufallen.
Und ich verstehe meine Kritikerin, sie will mich davor schützen, enttäuscht oder verletzt zu werden, denn genau das möchten wir am meisten vermeiden, den Schmerz vor Zurückweisung und Ablehnung.
Wie ihr lest, ich habe mich über sie mutig hinweggesetzt.

Gestern bin ich zum Start meiner Pilgerreise in den Dom in Santhia gegangen. Ich liebe diesen Geruch von Weihrauch, die Stille, egal wie laut es draußen ist (ist euch das schon mal aufgefallen, dass Kirchen eine besondere Schallisolierung haben?) und die "Erlaubnis" einfach nur zu sitzen. Ich hatte dieses Mal meine Aufgabe vom Universum 2 Tage vorher erhalten, aus meiner Sicht ein unlösbares Brett, was mich bereits 45 Jahre begleitet. Und wie ich so dasaß, kam mir bereits die erste Einsicht: Es ging für mich nicht darum, das "Problem" zu lösen, sondern die Perspektive zu wechseln, zu vertrauen und mich zu trauen. Meine bisherige Strategie, die meine damalige Überlebensstrategie war, nämlich alternativ in den Kampf zu gehen oder zu erstarren, darf ich ablegen. Stattdessen gehe ich den mutigen Schritt mich zu zeigen, meinen Schmerz zu zeigen und zu "riskieren" diesen Schmerz noch einmal zu erleben. Symbolisch suchte ich mir auf dem Weg dafür Steine aus und legte sie am Wegesrand ab.
Sollte das so einfach gewesen sein? Aufgabe gelöst? Leider nein, denn ein Muster, dass sich 45 Jahre manifestiert hat, ist kaum in 30min Kirchengang gelöst. Diese 5 Tage sind mir nun geschenkt, meine neue Strategie (psychologisch nennt sich das Annäherungsstrategie- sorry, ich kann es nicht lassen) zu fühlen, körperlich, emotional und auch mit dem Verstand.

Als Erstes fühlte ich gestern allerdings meinen schweren Rucksack. Aus dem Grund hatte ich meine erste Strecke auch auf 20km begrenzt, ich wollte erst einmal schauen, wie es läuft. Es lief schmerzhaft, die Schulter, der Nacken, die Hüfte, die Beine, irgendwann der linke Fuß. Spannenderweise wurde nicht eine Stelle immer schmerzhafter, sondern der Schmerz, die Verspannung wanderte durch den Körper. Sehr spannend festzustellen. Und natürlich ratterte mein Hirn, was ich mit meinem Gepäck machen könnte und auch da merkte ich, wie viele Glaubenssätze mich täglich begleiten, es kamen Gedanken wie: "Wenn du jetzt gehst, dann musst du auch dein Gepäck tragen, du kannst doch nicht immer den einfachsten Weg gehen." Oder: "Du bist doch keine ECHTE Pilgerin, wenn du dein Gepäck nicht trägst" und die Krönung:" Was bist du für ne Memme, stell dich nicht so an."
Also nur um das hier mal festzuhalten: Das habe ICH über MICH selber gedacht. Nicht wirklich freundlich, würde ich niemals einer Freundin sagen, stattdessen hätte ich Mitgefühl und würde meine Hilfe anbieten.
Ich habe jeden der Sätze für mich ausdiskutiert, lauthals, denn ich rede gerne laut mit mir, daher ist dieser Weg, wo man wirklich komplett alleine unterwegs ist, auch perfekt für mich.
Tatsächlich hat zwar mein Verstand alles negiert, aber mein Herz hat es nicht richtig geglaubt, dass wirklich ich entscheiden darf, wie ich pilgere und ob mit oder ohne Gepäck.
Und wie so oft, kommt bei diesen Gedankenschleifen, das Universum (ich glaube an Gott und das Göttliche, aber das muss jeder für sich entscheiden, deshalb bleibe ich hier beim Universum) zu Hilfe mit der Frage, was denn überhaupt Gepäck sei?
Mein Gepäck und das Gewicht ist nichts, was wirklich mit mir zu tun hat, es ist Kleidung, ein Firmenlaptop (dumm gelaufen, der musste leider mit), diverse Cremes, meine Reiseführer, Wasser usw. Nichts, was wirklich mein Gewicht wäre. Mein Gewicht, das bin ich und ich kann viele, viele Kilometer laufen, ohne müde zu werden oder Schmerzen zu bekommen und ehrlich habe ich noch nie über mein Gewicht gejammert, dass ich mir zu schwer wäre…
Mein Gepäck, das ist Gewicht, was auf meinen Schultern lastet, was nur indirekt mit mir zu tun hat. Warum muss ich das dann tragen? Warum kann ich mir keine Hilfe holen und jemanden bitten, das für mich zu tun? Oder in meinem Fall, es im Hotel zu lassen (das ist nämlich nun meine Lösung, sehr smart, wie ich finde, denn dadurch habe ich auch weniger Unterkunftswechsel, was mich sowieso stresst.)
Und genau so ist es eben auch im täglichen Leben, ich habe mich dann im weiteren Verlauf der Wanderung gefragt, was eigentlich alles auf meinen Schultern lastet, was gar nicht meins ist? Und warum ich nicht viel häufiger entweder das an den zurück gebe, dem es gehört oder mir Hilfe suche?
Erster Schritt wenn ich zu Hause bin: Ballast abwerfen, ich werde ganz kritisch sein, was wirklich meine Gewichte sind und welche mir jemand zugeteilt hat oder welche ich einfach mal so auf mich genommen habe. Übrigens liebe ich Sprichwörter, die bringen es einfach auf den Punkt wie: Mir fällt eine Last von den Schultern. Und zu dem Glaubenssatz: Du kannst doch nicht immer den einfachen Weg gehen? Hä? Warum nicht? Wer ist auf die dumme Idee gekommen, dass nur ein schwerer Weg ein guter ist? Nicht missverstehen, es sich leicht machen, heißt NICHT, ausweichen und verdrängen, sondern zu erkennen, was für einen der richtige Weg ist. Ein schwerer Rucksack gehört für mich jedenfalls definitiv nicht dazu.
Vermutlich musste ich deshalb gestern 30km gehen, damit ich das wirklich verinnerliche…
Ich bin natürlich mit noch viel mehr Fragen konfrontiert worden, z.B. warum mich längere Wege triggern, obwohl es offensichtlich eine Abkürzung gibt (mein Pitta ist wohl etwas dominant) oder warum wir in Fluggeschwindigkeit leben, wenn unser Tempo Fußgeschwindigkeit ist oder heute die Erkenntnis, dass Überforderung nicht zu Wachstum, sondern Erschöpfung führt. Und diese wundervolle Erfahrung, mal wieder genau zu spüren, dass unser Körper einfach alles zuerst schon weiß und wir nur auf ihn hören müssten… Oder die Erkenntnis, dass ein und die selbe Situation vollkommen anders ausgeht, je nachdem wer sie erlebt, Aber dazu wird es in den nächsten Tagen wieder Post von mir geben.
Ich freue mich über euer Feedback und traut euch Fragen zu stellen.
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